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Der ökologische Umbau – Überlebenswichtig!

07.03.2018

 

Seit ca. 40 Jahren wächst die Erkenntnis, dass die moderne westliche Industriegesellschaft die Naturgrundlage der Menschheit zerstört und der globale ökologische Umbau zur wichtigsten Aufgabe der Zukunftssicherung geworden ist. Die Erderwärmung soll auf 2 Grad begrenzt werden, weil sonst die Lebensgrundlagen für Milliarden Menschen zerstört würden. Auch Europa wäre betroffen. Seit Jahren wissen wir, dass die Zeit drängt. Die folgende Abbildung zeigt: Wenn wir sofort beginnen würden, die CO2-Emissionen wirklich zu senken, könnten das Klimaziel auf einem moderaten Absenkungspfad von jährlich zwei bis drei Prozent binnen 30 Jahren erreicht werden (grüne Linie). Warten wir bis 2025, wie es der Koalitionsvertrag impliziert, ist die erforderliche Absenkung eigentlich nicht mehr ohne wirtschaftlichen Kollaps oder drastische Rationierungen zu schaffen, weil die gesamte Reduktion in nur zehn Jahren mit jährlichen Absenkungsraten von mehr als fünf Prozent durchgesetzt werden müsste – wesentlich mehr, als durch technischen Fortschritt und Innovationen erreichbar wäre. Vgl. hier.

 

Abbildung: Szenarien der Absenkung der CO2-Emissionen bei Beginn 2016, 2020 oder 2025

 Quelle: Stefan Rahmstorf: Können wir die globale Erwärmung rechtzeitig stoppen? 11. April 2017, hier.

 

Gerade weil der Umbau die gesamte Weltwirtschaft umfassen muss, müssen die reichen Industrieländer, müssen die EU und Deutschland voran gehen. Das Argument, man müsse aus Wettbewerbsgründen warten, bis international verbindliche Regeln und Standards vereinbart sind, ist dumm und verantwortungslos. Man sollte sich ein Beispiel an einigen progressiven Kommunen und Bundesstaaten in den USA nehmen, die sich durch eigene Initiativen von der verantwortungslosen Politik Präsident Trumps absetzen. Die EU und Länder wie Deutschland müssen neue Entwicklungspfade erproben und verbreiten und Entwicklungsländern helfen, ihre weitere Entwicklung möglichst von vornherein auf ökologisch progressiven Technologien aufzubauen. Der Export umweltschädlicher Produkte und Technologien und die Entsorgung von Müll, Schadstoffen und Umweltlasten in Entwicklungsländer muss aufhören.

 

Ökologischer Umbau und sozialer Fortschritt gehören zusammen!

 

Ohne ökologischen Umbau wird es keine Zukunft, also auch keinen sozialen Fortschritt geben. Aber wenn der ökologische Umbau nicht mit erheblichen Verbesserungen der sozialen Lage der Bevölkerungsmehrheit einhergeht, wird er am Widerstand der Menschen scheitern. Insbesondere muss die Situation der Menschen in prekären Lebenslagen und mit geringen Einkommen verbessert werden, weil sie nur dann die Chance und die Bereitschaft zu einer Veränderung ihrer Konsummuster und ihrer Lebensweise haben werden.

Die soziale Frage im 21. Jahrhundert ist die Frage nach einer sozial progressiven Gestaltung des ökologischen Umbaus moderner Gesellschaften.

 

Die wichtigsten Felder des ökologischen Umbaus

 

Die Erkenntnis eines notwendigen und weitreichenden ökologischen Umbaus der Industrie, der Infrastruktursysteme, der Landwirtschaft und des Konsums ist inzwischen weit verbreitet. In Deutschland und Westeuropa gibt es kaum noch relevante Kreise in Politik, Wirtschaft und bei gesellschaftlichen Organisationen, die diese Notwendigkeit ernsthaft bestreiten. Auch in der Bevölkerung setzt sich diese Erkenntnis inzwischen durch. Auch in den USA, in China, Indien, Lateinamerika und global gewinnt die Einsicht in den bestehenden Handlungsbedarf, trotz Trump. Aber es fehlt in der Politik an Bereitschaft, die Tatsachen beim Namen zu nennen und vermeintliche Gegenargumenten zurückzuweisen. Neben dem Klimawandel spielen weitere Felder eine wichtige Rolle:

  • Der Übergang zu Energiesystemen (Verkehr und Wohnen eingeschlossen) ohne CO2-Emissionen, also die Umstellung auf erneuerbare Energien aus Sonne, Wind und Wasserkraft, ergänzt durch einen lokal relevanten und zum Ausgleich der Schwankungen ggf. sinnvollen Anteil an Energie aus Biomasse. Hier ist in Europa, in China und den USA eine Entwicklung in Gang gekommen. Bislang reicht das Tempo der Substitution fossiler Energien nicht aus, um das 2-Grad-Klimaziel zu erreichen. Reduzierung des Energieverbrauchs durch ökologische Gebäudesanierung, effizientere Verkehrssysteme und energiesparende Anlagen und Geräte.

  • Die Lösung des globalen Wasserproblems vor allem durch wirksamen Schutz und effektive Gestaltung der Wasserkreisläufe, teilweise durch Substitution, weniger durch Erschließung neuer Quellen. Hier gibt es erste Ansätze, aber noch keine Lösung. In einigen Regionen der Welt sind katastrophale Entwicklungen wahrscheinlich – mit der Folge weiter anwachsender Flüchtlingsströme Die in der EU angeschobene (derzeit stockende) weitere Privatisierung der Wasserwirtschaft weist in die falsche Richtung. Wasser und Wasserkreisläufe müssen als öffentliche Güter behandelt und gestaltet werden.

  • Eine Strategie des Umbaus der Landwirtschaft, die die Erhaltung des Bodens, der Bodenfruchtbarkeit, durch eine neue Kopplung von Agrar- und Naturkreisläufen zu erreichen versucht, die Umwandlung von Wald (Regenwald und anderen nicht wirtschaftlich genutzten Räumen) in Agrarland beendet und die Anwendung bodenschädigender Bearbeitungsmethoden und Chemikalien eindämmt. Hier passiert faktisch sehr wenig, die dominante Entwicklung geht global, aber auch europäisch überwiegend noch in eine ökologisch negative Richtung.

  • Neuordnung der Herstellung und Verwendung von Chemikalien. Grundsätzlich müssen alle chemischen Stoffe auf ihre Umweltkompatibilität hin untersucht und gegebenenfalls ersetzt werden. Der erste große Fall war FCKW.

  • Die postfossile Stadt, eingeschlossen die Verkehrssysteme, das Wohnen und die Gestaltung der Siedlungen.

Der ökologische Umbau betrifft die Produktion, Konsum und Infrastruktur in ihrem Zusammenhang. Das Prinzip einer ökologischen Produktionsweise, Umweltkompatibilität, bedeutet, dass perspektivisch nur noch erneuerbare Ressourcen, erneuerbare Energien, offene oder geschlossene Stoffkreisläufe erlaubt sind und alle mit Ökosystemen wechselwirkenden industriellen Prozesse, Produktionsmittel und Produkte so gestaltet sind, dass die Funktionsweise der Ökosysteme nicht gefährdet wird. Die Erhaltung der Ökosysteme ist das neue und künftig entscheidende Selektionskriterium, die soziale Progressivität das zweite, ebenso wichtige Selektionskriterium für die Entwicklung einer neuen ökologischen Produktions- und Konsumtionsweise.

Erneuerbare Energien: Energiesysteme, die Energie aus dem natürlichen Energiestrom der Sonne entnehmen: Solarenergie, Windenergie, Wasserkraft. In gewissem Maße kann auch die in der Erdwärme gespeicherte Energie genutzt werden (Geothermie). Es werden keine stofflichen Primärenergielager (Öl, Kohle, Gas, Torf) verbraucht.

Offene Stoffkreisläufe: Aus der Natur entnommene Rohstoffe bzw. in die Natur abgegebene Abprodukte (Deponien) bilden einen Kreislauf, bei dem die Rohstoffe durch die Funktionsweise der Ökosysteme laufend ersetzt und die Abprodukte zu neuen Rohstoffen umgesetzt werden (Biomasse, Holz, organische natürliche Chemikalien u.ä.). Alle Komponenten eines offenen Kreislaufes müssen grundsätzlich umweltkompatibel sein und sind nur erlaubt, wenn sie ohne negative Wirkungen in die Ökosysteme integriert werden können und zwar deutlich unterhalb der jeweiligen Tragfähigkeitsgrenzen.

Geschlossene Stoffkreisläufe: alle Stoffe, die nicht erneuerbar sind, d.h. nicht in Ökosysteme integriert und als Bestandteile von Naturkreisläufen geführt werden können, sind grundsätzlich in geschlossenen Kreisläufen innerhalb der Industrie bzw. zwischen Industrie und Haushalten (gegenüber den Naturkreisläufen isoliert) zu führen und dürfen nicht bzw. nicht unkontrolliert in die Natur abgegeben werden. Derartige nicht umweltkompatible Stoffe und Stoffkreisläufe sollten möglichst vermieden und ihr Anteil am Stoffumsatz reduziert werden.

 

Steuerung des Umbaus durch Ressourcenbewirtschaftung und ökologische Kreditprogramme

 

Zu den Rahmenbedingungen des ökologischen Umbaus gehören Gebote, Verbote und Grenzwerte, diese haben sich in vielen Fällen bewährt – so bei der Reduzierung von Versauerungsgasen (Waldsterben), der Beseitigung von FCKW-Emissionen und der Sanierung von Flüssen und Seen.

Ebenso wichtig aber sind Rahmenbedingungen für eine Änderung der Richtung der wirtschaftlichen Entwicklung. Es gibt keinen global oder national ausgearbeiteten Masterplan von Regierungen oder wissenschaftlichen Instituten. Die meisten Lösungen ökologischer Probleme müssen im Umbau selbst gefunden und umgesetzt werden Vielen Tausend oder Millionen kleinerer oder größerer Innovationen sind zu erarbeiten, zu erproben, zu selektieren und zu verbreiten Der ökologische Umbau ist daher als ein Innovations- und Investitionsprozess zu gestalten, als Suchprozess, in dessen Verlauf verschiedene Varianten getestet und erprobt werden müssen.  

Das erfordert Rahmenbedingungen, bei denen nicht umweltkompatible Produkte und Verfahren nach und nach ausscheiden, indem sie Jahr für Jahr teurer und unwirtschaftlich werden, während neue umweltkompatible Produkte und Verfahren in der Anfangsphase gefördert und verbreitet werden. Dafür sind zwei Komponenten zentral: a) die Bewirtschaftung aller relevanten ökologischen Ressourcen (das sind alle Ressourcen, deren Nutzung mit ökologischen Problemen verbunden ist, die in absehbarer Zeit knapp werden, deren Erhalt Nutzungsbegrenzungen erforderlich macht oder deren Reproduktion nur durch besondere Maßnahmen langfristig sichergestellt werden kann.) und b) eine öffentlich kontrollierte Kredite für Investitionen und Innovationen.

 

Bewirtschaftung ökologischer Ressourcen ist ein staatlich reguliertes marktwirtschaftliches Verfahren. Für jede relevante ökologische Ressource, beginnend mit den Emissionen von CO2 und anderen klimaschädlichen Gasen, werden Obergrenzen, Nutzungs- oder Absenkungspfade festgelegt. Unternehmen müssen für die wirtschaftliche Nutzung handelbare Nutzungsrechte erwerben, deren Kosten über die Produktpreise weitergegeben werden. Je mehr ökologische Ressourcen ein Produkt oder Verfahren benötigt, umso teurer würde es. So wird die Nutzung begrenzt bzw. Jahr für Jahr abgesenkt. Es können nur so viele Ressourcen genutzt und verbraucht werden, wie durch die Emission von Nutzungsrechten vorgesehen ist – Überschreitungen und Ausnahmen sind ausgeschlossen. Regenerative Ressourcen und in Stoffkreisläufen geführte Ressourcen würden weniger kosten, wenn ihre Nutzung im Rahmen oder unterhalb der Tragfähigkeitsgrenzen erfolgt, also weniger Nutzungsrechte nachgefragt werden. Dies bedeutet, dass die Nutzung der jeweiligen Ressource in einem definierten Zeitraum auf die Tragfähigkeit der jeweiligen Ökosysteme abgesenkt und auf diesem Niveau festgeschrieben wird. Bei den CO2-Emissionen würde man ausgehend vom heutigen Niveau die Emissionsrechte jährlich um 3 bis 4 Prozent reduzieren, so dass nach 30 bis 40 Jahren Null-Emissionen erreicht würden. Die Begrenzung der Nutzung würde Innovationen selektieren, die CO2-Emissionen substituieren.

Die genutzten Umwelt-Ressourcen wären öffentliches Eigentum, die Nutzungsrechte würden von öffentlich-rechtlichen Verwertungsgesellschaften, die demokratischer Kontrolle unterworfen sind, emittiert, gehandelt, verwaltet und die Nutzung würde von diesen öffentlich-rechtlichen Gesellschaften überwacht. Mit den Einnahmen aus dem Handel der Nutzungsrechte würden (1) laufend wissenschaftliche und unabhängige Forschung zum Zustand der jeweiligen Ressourcen finanziert. Die Register der Käufer von Nutzungsrechten sind öffentlich zu führen. Der Preis ist nach Angebot und Nachfrage zu ermitteln, es ist ein Mindestpreis festzulegen, der die Kosten der Forschung, Kontrolle und der Vergabe bzw. des Handels mit Nutzungsrechten abdeckt. Der spekulative Handel mit Nutzungsrechten wäre auszuschließen oder zu begrenzen. Einnahmen aus dem Verkauf oder Handel mit Nutzungsrechten, die die laufenden Kosten der Forschung und Verwaltung der Ökoverwertungsgesellschaften übersteigen, sollten (2) zur Erhaltung der entsprechenden Ressource und zur Förderung von Innovationen zur Verbesserung der Umweltkompatibilität, Senkung des Nutzungsniveaus, effektiveren Nutzung, Nutzungssubstitution eingesetzt werden.  Die Einnahmen aus dem Handel mit Nutzungsrechten würden ausschließlich zur Förderung umweltkompatibler neuer Produkte, Verfahren und der Kreislaufwirtschaft verwendet. Diese werden daher billiger als umweltbelastende Produkten und Verfahren. Da die Verteuerung nicht umweltkompatibler Verfahren durch eine entsprechende Verbilligung umweltkompatibler Produkte und Verfahren kompensiert würde, werden Verbraucher und Wirtschaft im Mittel nicht zusätzlich belastet. Der Staatshaushalt würde entlastet, weil die Überwachung, Kontrolle und Erhaltung der Ökosysteme durch die Einnahmen aus den Nutzungsrechten finanziert würde.

Die Bewirtschaftung ökologischer Ressourcen muss schrittweise eingeführt werden. Ziel ist ein umfassendes Stoffstrommanagement und der Aufbau einer ökologischen Kreislaufwirtschaft.

  • Bewirtschaftung der Emission von CO2 und anderen Klimagasen durch Industrie, Landwirtschaft und Infrastruktur,

  • Die Bewirtschaftung der Wasserressourcen, insbesondere der Trinkwasserkreisläufe, des Abwassers und der wirtschaftlichen Gewässernutzung,

  • Bewirtschaftung der Plastikabfälle im Rahmen eines umfassenden Stoffstrommanagements aller aus Erdöl hergestellten Produkte und Materialien.

  • Bewirtschaftung der Rohstoffe und Abfälle aus Metallen, insbesondere seltenen und umweltschädlichen Metallen,

  • Bewirtschaftung von naturfremden Chemikalien. Hier sind Wirkungen umfassend zu prüfen und je nach Relevanz geschlossene oder offene Kreisläufe aufzubauen bzw. Verfahren für einen vollständigen Abbau umweltschädlicher organischer und anorganischer Chemikalien in offenen Kreisläufen zu entwickeln,

  • Bewirtschaftung der Bodennutzung und Erhaltung für Agrarflächen und industriell genutzte Flächen,

  • Aufbau eines Bewirtschaftungssystems für die Bodennutzung in Ballungsgebiete und Städte, das umweltgerechte Nutzungskonzepte umsetzbar macht, die zugleich kostengünstiges Wohnen ermöglichen. Integration von Strategien zum Aufbau postfossiler Städte.

 

Die zweite Komponente der Rahmenbedingungen ist ein Kreditprogramm zur Finanzierung von Innovationen und Investitionen für die Forschung und Entwicklung sowie die Verbreitung neuer umweltkompatibler Produkte und Verfahren und die Gestaltung des Stoffstrommanagements.

Das geschätzte Volumen der benötigten Kredite in der Privatwirtschaft und den öffentlichen Einrichtungen (ohne private Haushalte der Konsumenten) dürfte zu Beginn für das Gebiet der EU bei jährlich 300 Mrd. Euro (angenommen 2020) liegen (Mitgliedsstaaten und EU insgesamt) und würde bis 2030 wahrscheinlich auf 1.000 Mrd. jährlich ansteigen müssen.

Diese Mittel sollen durch Kredite bereitgestellt werden. Für die Vergabe und das Management dieser Kredite sind öffentlich-rechtlich verfasste Förderbanken zu nutzen bzw. zu entwickeln, vor allem die Europäische Investitionsbank (EIB) und in Deutschland die KfW. Kredite sind an spezifische ökologische Umbauprogramme gebunden, diese Programme sind synchron zur Etablierung der Ökoverwertungsgesellschaften aufzulegen. Das Programm würde durch fest verzinste staatlich abgesicherte Anleihen der jeweiligen Förderbanken refinanziert, die Verwaltungskosten würden durch Zinseinnahmen finanziert. Nach ca. 15 bis 20 Jahren würden sich das Programm durch Rückflüsse aus der Kredittilgung selbst finanzieren, d.h. die Rückzahlung der Anleihen würde größer als die Neuausgabe.

 

Veränderung der Lebenswelt – der ökologische Umbau als sozialer Fortschritt

 

Die ökologischen Veränderungen in der Industrie, Landwirtschaft und Infrastruktur wurden genannt: Entwicklung und Umstellung auf umweltkompatible Produkte und Verfahren, erneuerbare Energien, umfassendes Stoffstrommanagement, offene und geschlossene Stoffkreisläufe, Erhalt funktionsfähiger Ökosysteme als Selektionskriterium für Innovationen und Investitionen.

Dieser weitreichende und grundlegende Umbau hat gravierende Auswirkungen auf die Lebenswelt und die Lebensweise der Menschen. Die Bewältigung der ökologischen Risiken bietet große Chancen für eine menschengerechte Neugestaltung der Städte und Siedlungen, der Gebäude und des Wohnens, der Verkehrssysteme und der Konsummuster. Es wäre falsch, diese Veränderungen vor allem als Einschränkungen oder Belastungen zu begreifen. Vielmehr kann der ökologische Umbau die Möglichkeiten der Individuen zu Teilhabe, Selbstgestaltung und Selbstbestimmung sehr erweitern und als weiterer emanzipatorischer Fortschritt gestaltet werden. Das wird aber nur gelingen, wenn der ökologische Umbau der Lebenswelt – und auch der Arbeitswelt – demokratischer und partizipativ organisiert werden. Zuweilen wird befürchtet, dass die Dimensionen des Umbaus die Menschen überfordern. Manche denken an Chaos, alles wird umgeworfen und erneuert. Diese Befürchtung ist grundlos. Der Umbau wird sich über wenigstens drei Generationen erstrecken und das Maß der Veränderung wird nicht größer sein als in den vergangenen drei Generationen. Was sich verändern muss, ist die Richtung dieses Wandels – nicht mehr, sondern weniger Ressourcenverbrauch, dafür bessere und der menschlichen Lebenswelt angemessene Konsumgüter, Verkehrs- und Siedlungsstrukturen.

Ein entsprechend gestalteter und vorangetriebener ökologischer Umbau kann zu einer erheblichen Dynamisierung der wirtschaftlichen Entwicklung führen – etwa vergleichbar mit dem Boom der Nachkriegszeit. Dabei sind Vollbeschäftigung und wachsende Einkommen möglich. Diese sind auch nötig, weil die Veränderung der Wertschöpfung, der Preise und der Wandel der Produktpaletten von den Verbrauchern nur mit wachsenden disponiblen Einkommen selbstbestimmt gestaltet werden können. Wachsende Einkommen ermöglichen auch, die Finanzierung der Sozialsysteme auf eine neue Grundlage zu stellen und die mit dem demographischen Wandel verbundenen Finanzierungsprobleme zu lösen.

Der ökologische Umbau muss in der Arbeitswelt vor allem für zwei Entwicklungen genutzt werden: Erstens müssen die gesundheitlichen Gefahren weiter abgebaut werden, was im Zuge der Entwicklung umweltkompatibler Produkte und Verfahren gut möglich ist. Zweitens ist die Digitalisierung zu gestalten. Diese ist eine wichtige Voraussetzung für ein umfassendes Stoffstrom- und Energiemanagement, aber sie muss auch Mittel zur Entlastung der Arbeitnehmer werden. Bislang haben sich die Chancen der Digitalisierung eher den Arbeitgebern genutzt. In Zukunft müssen die Vorteile auch für die Arbeitnehmer stärker entwickelt und genutzt werden. Vor allem im Bildungs- und Qualifizierungsbereich und in der Kommunikation und Mediennutzung sind arbeitnehmerfreundliche Lösungen gefordert, die die Entwicklungsmöglichkeiten der Individuen erweitern und sie vor Funktionalisierung durch Unternehmen und Staat schützen. Die technischen Möglichkeiten dazu bestehen.

Gravierende Veränderungen sind in Bauen, Wohnen und der Siedlungsstruktur zu erwarten. Hier geht es natürlich zuerst um die Energiesysteme und das Stoffstrommanagement, um emissionsfreie Plus-Energiehäuser und komplettierte Stoffströme. Eine der zentralen Herausforderungen ist, die Umgestaltung der Siedlungen und Gebäude zugleich für eine menschengerechte Lebensumwelt zu nutzen. Fußläufigkeit, Parks, Nähe und Vielfalt, Gemeinschaft und Selbstgestaltungsmöglichkeiten könnten Kriterien einer neuer Wohnwelten werden. Auch Eigenarbeit und Gemeinschaftsarbeit sollten neue Möglichkeiten bekommen. Ökologischer Umbau kann nicht bedeuten, die alten Städte und Siedlungen zu zerstören. Ein wichtiger Innovationspfad wird daher darin bestehen, die historisch gewachsenen urbanen Strukturen, Gebäude und Verkehrswege, die in der Regel nicht oder nicht hinreichend umweltkompatibel sind, einerseits ökologisch umzubauen und andererseits kulturell zu erhalten bzw. zu rekonstruieren.

Der Aufbau neuer umweltkompatibler Verkehrssysteme wird ebenfalls große Wirkung auf die Lebensweise haben. Ökologisch geht es um emissionsfreien Verkehr auf der Grundlage erneuerbarer Energien. Ob die E-Mobilität, die heute im Zentrum der Debatte steht, tatsächlich die dominante Zukunftsstrategie sein wird, muss die Zukunft zeigen. Sinnvoll scheint auch hier, differenzierte Suchprozesse zu ermöglichen und verschiedene Lösungen zu erproben. Für Städte und Ballungsgebiete könnten flexible und kostengünstige Nahverkehrssysteme in Kombination mit Fahrradverkehr und Car-Sharing von E-Autos eine progressive Lösung werden. Auch gemeinschaftlich genutzte umweltgerechte Liefersysteme wären eine gute Alternative zu dem zunehmenden LKW-Verkehr in den Ballungsgebieten. Künftig muss der Verkehr so gestaltet werden, dass er die fußläufige Nutzung urbaner Strukturen nicht behindert. Die Umgestaltung der Wohngebäude, der Siedlungsstrukturen und der Verkehrssysteme müssen integriert angegangen werden. Dabei bestehen gute Chancen, den ökologischen Umbau zugleich für eine progressive Umgestaltung der Lebensumwelt zu nutzen.

Für den ländlichen Raum werden spezielle Strategien eines emissionsfreien Verkehrs und ökologischen Wohnens gesucht werden müssen. Durch den ökologischen Umbau könnten neue Synergien zwischen Metropolen und ländlichem Raum entwickelt werden – Energie, Stoffstrommanagement, regionale Lebensmittel, Bildung und Erholung – der ländliche Raum als „Garten der Metropolen“ gestaltet bekäme neue Entwicklungschancen.

Die Konsummuster der privaten Haushalte werden und müssen sich verändern. Niemand könnte heute schon detailliert beschreiben, wie eine umweltkompatible Konsumtionsweise in zwei oder drei Generationen aussehen wird. Ein Vergleich der heutigen Konsumstrukturen mit denen unserer Urgroßeltern zeigt das hohe Maß möglicher Veränderung in solchen Zeiträumen. Es geht auch hier um Such- und Selektionsprozesse, die unter der Voraussetzung der oben skizzierten neuen Rahmenbedingungen ablaufen werden. Dabei entstehen neuen Konsummuster, wobei umweltkompatible Konsumgüter preislich relativ günstig werden, während sich diejenigen erheblich verteuern werden, die mit hohem Ressourcenverbrauch und größeren Umweltlasten verbunden sind. Einige wahrscheinliche Tendenzen:

  • der Anteil an Dienstleistungen und an Bildung- und Kultur wird erheblich zunehmen,

  • der Energie- und Stoffverbrauch pro Kopf wird zurückgehen müssen, die Qualität der Lebensmittel sollte zunehmen, dafür der Anteil des Fleischkonsums zurückgehen. Es ist denkbar, dass ganz neue Arten von Lebensmitteln den Markt erobern, etwa Retortenfleisch oder Insektenproteine,

  • der Anteil von Bildung und Kultur im Konsumbudget sollte steigen,

  • der Anteil von Konsum mit hohem Energie- und Stoffverbrauch muss dramatisch zurückgehen, das betrifft beispielsweise Fern- und Flugreisen, die wieder etwas Besonderes sein werden, das man sich nur selten leisten kann,

  • wahrscheinlich wird Medienkommunikation und die Digitalisierung auch die privaten Haushalte stärker prägen.

Die für die Lebenswelt relevanten Teile des ökologischen Umbaus – Verkehrssysteme, Wohnen und Siedlungsgestaltung, Konsummuster – enthalten sehr große Potenziale für eine sozial progressive Gestaltung, die Teilhabe, Selbstbestimmung und Selbstgestaltung der Individuen erheblich erweitern könnte. Damit diese Möglichkeiten genutzt werden, bedarf es einer demokratischen Gestaltung und Beteiligung. Technokratische Konzepte des ökologischen Umbaus werden sich nicht durchsetzen lassen.

Dieser Text zeichnet das Bild eines sozial progressiv gestaltbaren ökologischen Umbaus (ohne dass hier auf alle Komponenten des sozialen Umbaus eingegangen werden konnte). Vielleicht sind manche Passagen euphorisch, aber es geht darum, zu zeigen, dass dieser Umbau gestaltbar ist und es in unseren Möglichkeiten läge, ihn sozial progressiv zu gestalten. Bevor dies aber möglich wird müssen noch einige Auseinandersetzungen geführt und gewonnen werden: mit den Klimaskeptikern, die glauben, Umbau sei gar nicht nötig, gegen die Pessimisten, die meinen, es sei zu spät, gegen die Lobbyisten der Altindustrie und der fossilen Energie, die meinen, der ökologische Umbau sei das Ende des Abendlandes und man habe das Recht, möglichst alle fossilen Energierohstoffe gewinnbringend zu verbrennen, gegen die Wirtschaftsvertreter und Wirtschaftswissenschaftler, die nicht bereit sind, zu begreifen, dass der ökologische Umbau große Chancen für eine neue wirtschaftliche Dynamik beinhaltet. Es darf nicht um schnelles Geld gehen, es geht um eine Zukunft für alle.

 

Dr. Rainer Land studierte Philosophie und Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er arbeitet seit 1992 in der Zeitschrift Berliner Debatte Initial mit. Empirische Forschungen zu soziologischen, ökonomischen und ökologischen Themen folgten bis 2015 am Thünen-Institut e.V. Bollewick. Seit den 1980er Jahren beschäftigt er sich mit der Theorie J.A. Schumpeters und auf dieser Grundlage mit Bausteinen zu einer evolutorischen Sozialökonomik der Moderne und den Bedingungen der Möglichkeit von Ökokapitalismus.

 

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