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SCHULDEN UND VERMÖGEN

WIESO-Ökonom Dr. Michael Paetz hat mit der Hamburg Open Online University ein anschauliches Teaser-Video für den Geld-Erklärblog https://was-ist-geld.de/ fertig gestellt. Dieses Video (siehe rechts) fasst die wichtigsten Grundlagen zum Thema Geldvermögensbildung und Verschuldung leicht verständlich zusammen. Unsere Themenseite "Schulden und Vermögen" wird diese Zusammenhänge noch einmal vertieft aufbereiten. Wir beginnen mit der zwingend logischen Tatsache, dass jedem Euro Verschuldung genau ein Euro Vermögen gegenüberstehen muss, da es keinen Schuldner ohne einen Gläubiger geben kann.
​Text: Dr. Michael Paetz, 26.01.2019
Ausgaben sind Einnahmen

Betrachten wir das folgende Aussagenpaar:

"Sparen ist gut. Verschuldung ist schlecht."
 
Vermutlich klingt dies für Sie sowohl vertraulich wie auch vernünftig. Aus einzelwirtschaftlicher Haushaltssicht lässt sich auch schwerlich bestreiten, dass eine Verschuldung das Risiko trägt, diese zu einem späteren Zeitpunkt nicht zurückzahlen zu können. Ersparnis im Sinne einer Vermögensbildung bietet hingegen den Schutz vor unvorhergesehenen Ereignissen, die zu unerwarteten Ausgaben führen, wie die Reparatur eines Autos oder einer Waschmaschine. Bei einer gesamtwirtschaftlichen Sichtweise wird jedoch klar, dass beide Ereignisse (Sparen wie Verschuldung) nur gemeinsam auftreten können. Da die Einnahmen des einen immer den Ausgaben des anderen entsprechen, kann es keine Sparer geben, wenn es keine Schuldner gibt. Wer Geld spart, gibt weniger aus als er einnimmt. Zwangsläufig müssen nun alle anderen Personen in der Summe mehr ausgeben als sie einnehmen. Selbst dann, wenn man Geld zu Hause unter dem Kopfkissen hortet, gilt, dass der Einnahmeüberschuss nur möglich ist, wenn alle anderen in exakt gleicher Höhe einen Ausgabeüberschuss verzeichnen, in der laufenden Periode also mehr ausgeben als einnehmen. Das Geld, das man unter dem Kopfkissen spart, wurde schließlich dem Kreislauf entzogen und muss irgendwo zu einem Rückgang der Einnahmen führen.

Um Missverständnisse im Keim zu ersticken, sei kurz darauf hingewiesen, dass man den Begriff Ersparnis sehr unterschiedlich interpretieren kann. Möglich wäre ja auch in Sachvermögen zu sparen, indem man sich z.B. eine Wohnung kauft oder guten Wein oder seltene Briefmarken sammelt. An dieser Stelle ist mit Ersparnis eine Geldvermögensbildung gemeint, also das Sparen in Form von Geld (Einlagen auf dem Bankkonto oder Münzen und Scheine im Sparstrumpf) und auf Geld notierten Forderungen wie Wertpapieren.
Verdeutlichen wir uns den Zusammenhang zwischen Schulden und Vermögen anhand eines Beispiels. Betrachten wir zunächst eine Welt, die aus nur 2 Personen besteht. Person A stellt Nahrungsmittel her und Person B Kleidungsstücke. Nehmen wir an, beide kaufen sich gegenseitig Waren im Wert von 1000 Euro ab. Dann entsprechen die Ausgaben der einen Person gerade den Einnahmen der anderen und beide haben einen ausgeglichenen Budgetsaldo (Einnahmen = Ausgaben). Nehmen wir nun an, Person A möchte Vermögen bilden, indem sie weniger ausgibt als sie einnimmt. Nehmen wir an, sie kauft nur noch Waren im Wert von 800 Euro von Person B ab, weil sie 200 Euro sparen möchte. Mit der Ersparnis von Person A sinken dann zwangsläufig die Einnahmen von Person B. Um weiterhin Waren im Wert von 1000 Euro von Person A abzukaufen, müsste sich Person B verschulden. Person A könnte ihr z.B. die 200 Euro leihen, die sie nicht ausgegeben hat.

Die Ersparnis (der Vermögensaufbau) von A ist aber nur dann möglich, wenn sich B in der laufenden Periode verschuldet. Angenommen, Person B wäre nicht bereit, sich zu verschulden. Wenn sie ihre Ausgaben reduziert, um sie den gesunkenen Einnahmen anzupassen, kann auch Person A kein Vermögen bilden. Gibt Person B nämlich nur 800 Euro aus, dann sinken wiederum die Einnahmen von Person A und entsprechen wieder ihren Ausgaben. Der Einnahmeüberschuss von A verschwindet, weil B keinen Ausgabeüberschuss zulässt. Unter diesem Umständen ist Person A also gezwungen, ihren Sparplan zu ändern, will sie ihren Ausgabeplan aufrecht erhalten.

Ein Ausgabeüberschuss kann freilich auch aus einem angesparten Vermögen getätigt werden. In diesem Fall würde das Vermögen der entsprechenden Person in der laufenden Periode sinken. Der Einnahmeüberschuss ist dennoch nur möglich, weil es auch einen Ausgabeüberschuss gibt. Zudem kann das angesparte Vermögen nur aus Einnahmeüberschüssen der Vergangenheit entstanden sein. Einem
Geldvermögen muss zwangsläufig eine ebenso hohe in Geld gemessene Verschuldung gegenüberstehen. Man kann also nur dann Ersparnis bilden, solange alle anderen Wirtschaftssubjekte sich in exakt gleicher Höhe verschulden. Der eigenen Forderung muss eine ebenso hohe Verbindlichkeit gegenüberstehen. Lege ich meinen Einnahmeüberschuss z.B. in einen Fonds an, steht meiner Vermögensbildung ein Schuldverhältnis des Fonds gegenüber. Beim Kauf einer Unternehmensanleihe steht meiner Forderung eine Verbindlichkeit des entsprechenden Unternehmens gegenüber, usw. In unserem Beispiel steht der potentiellen Vermögensbildung von Person A eine potentielle Verschuldung der Person B gegenüber (sofern B bereit ist, sich zu verschulden und A Ersparnisse bilden zu lassen).

Wenn Sie in ihrem Freundeskreis Eindruck damit schinden möchten, was sie jetzt bereits über den Zusammenhang zwischen Vermögen und Verschuldung gelernt haben, dann bitten Sie diesen doch darum, die Nettoweltverschuldung zu schätzen. Wenn man sich dann mit immer höheren Summen gegenseitig überboten hat, wird man über die korrekte Antwort verblüfft sein. Da Schulden und Vermögen sich global immer zu Null addieren müssen, ist die Nettoverschuldung global natürlich null. Die Welt als Ganzes hat ja keinen außerirdischen Sparer, bei dem sie sich verschulden könnte, bzw. keinen außerirdischen Schuldner, der ihr eine Ersparnis ermöglicht.
Gesamtwirtschaftliche Betrachtung: Finanzierungssalden

Überträgt man diese Überlegungen auf die gesamtwirtschaftliche Ebene, gelangt man zu den sogenannten Finanzierungssalden. Diese zeigen die Ein- und Ausgabeüberschüsse einer gesamten Volkswirtschaft auf und illustrieren auf sehr anschauliche Art und Weise, wie die einzelnen Sektoren einer Volkswirtschaft zusammenhängen. Teilen wir eine Volkswirtschaft in z.B. vier Bereiche auf, Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland, dann müssen sich die Einnahme- und Ausgabeüberschüsse der Sektoren immer zu Null addieren. Diese Salden sind in der folgenden Grafik seit 1950 zu sehen:
Abbildung 1: Finanzierungssalden in Deutschland seit 1950
Anmerkung: Oberhalb der Nulllinie: Einnahmeüberschuss (relativ zum Bruttoinlandsprodukt); unterhalb der Nulllinie: Ausgabeüberschuss (relativ zum Bruttoinlandsprodukt). Quelle: Was-ist-Geld.de (CC-0).
Alles, was sich oberhalb der Nullinie abspielt stellt einen Einnahmeüberschuss dar (relativ zum Bruttoinlandsprodukt), alles unterhalb einen Ausgabeüberschuss. Die Summe der vier Linien muss sich immer zu Null addieren. Betrachten wir zunächst den Zeitraum bis Mitte der 70er Jahre, lässt sich erkennen, dass der Unternehmenssektor sich in dieser Zeit durchgängig verschuldet hat. In der Zeit von 1950-1975 betrugen die Ausgabeüberschüsse im Schnitt um 6,4 % des Bruttoinlandsproduktes. In der Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders waren es die Unternehmen, welche die Schuldnerposition in der deuschen Volkswirtschaft einnahmen und so den Haushalten wie auch zeitweise dem Staat ermöglichten, Überschüsse zu bilden. Dies bedeutet keineswegs, dass die Unternehmen in jener Zeit keine Gewinne realisierten. Ihre Ausgaben überschritten lediglich ihre Einnahmen. Häufig deswegen, weil die Investitionen über das hinausgingen, was man aus einbehaltenen Gewinnen finanzieren konnte. Die zusätzlichen Ausgaben ließen sich nur durch eine Nettoneuverschuldung erzielen. Die Investitionen waren zudem der Grund dafür, dass man in den Folgejahren genügend Einnahmen erzielte, um die Kredite tilgen zu können.
Offensichtlich hat sich dies seit dem grundlegend geändert. Mit dem Rückgang der privaten Investitionen sank der Ausgabeüberschuss immer mehr und ist seit 2001 durchgängig zu einem Einnahmeüberschuss geworden. Diese fundamentale Änderung gilt es zur Kenntnis zu nehmen, wenn man wirtschaftspolitische Konzepte, wie den eines ausgeglichenen Staatshaushaltes, bewerten will. Denn, wenn die Unternehmen sich nicht mehr verschulden, wird es für die privaten Haushalte schwieriger Vermögen aufzubauen. Gebe es kein Ausland, so bliebe als Schuldner in diesem Falle nur der Staat. Wie wir anhand der jüngeren Entwicklung sehen können, ist der neue Schuldner in Deutschland aber nicht der Staat, sondern das Ausland. Da Deutschland seit Ende der 90er riesige Einnahmeüberschüsse aus dem Handel mit anderen Ländern erhält, ist es möglich, dass alle inländischen Sektoren Vermögen bilden. Die deutschen Exportüberschüsse führen Jahr für Jahr dazu, dass sich das Ausland netto verschulden muss.
Nur führt dies dazu, dass die Probleme, die aus einem sparenden Unternehmenssektor resultieren, nun die Länder im Rest der Welt belasten. Diese müssen nämlich nun nicht mehr nur ihre eigenen Ersparnisse ausgleichen, sondern auch noch unsere. Daher tragen Länder mit Exportüberschüssen eine Mitverantwortung für die Verschuldung anderer Länder. Da diese Länder uns mehr Produkte abkaufen, als wir von ihnen beziehen, fehlt es ihnen i.d.R. an Nachfrage. Da die Unternehmen in diesen Ländern auf einen Teil ihrer Produkte sitzen bleiben, werden sie vermutlich weniger produzieren und weniger Menschen beschäftigen. Will man dies verhindern, bleibt oft nur der Weg, über staatliche Ausgabenprogramme der Krise entgegenzuwirken. Die Vorstellung, unsere Handelspartner könnten ihre Staatsverschuldung reduzieren und gleichzeitig unsere Produkte im Überfluss kaufen, lässt sich nur realisieren, wenn sich Unternehmen und Haushalte in diesen Ländern stark genug verschulden.
Gerade dies ist heutzutage aber fast nirgendwo auf der Welt mehr der Fall. Die Entwicklung die Deutschland seit den 70ern erlebt, ist nämlich kein Einzelfall, sondern in fast allen Industrienationen Realität, wie die folgende Abbildung zeigt.
Abbildung 2: Finanzierungssalden des Unternehmenssektors
Anmerkung: 5-Jahres-Durchschnitte. Quelle: Was-ist-Geld.de (CC-0).
Von England und Frankreich abgesehen sind in allen betrachteten Ländern die Unternehmen inzwischen Nettosparer. Da private Haushalte Vorsorge betreiben, versuchen sie i.d.R. ebenfalls einen Einnahmeüberschuss zu erzielen. Da sich eine solche Entwicklung auf der ganzen Welt abzeichnet, bleibt dann nur der Staat als Schuldner, weil die Welt kein Ausland besitzt, dass sich stattdessen verschulden könnte. Sollte in Ländern, die mehr importieren als sie exportieren der Staat versuchen zu sparen, könnte es passieren, dass die Volkswirtschaft in eine Krise gerät. Da in einer Krise die Ausgaben für Sozialleistungen steigen, könnte es sein, dass der Staat sich am Ende stärker verschuldet als er geplant hat.

Das Wichtigste in Kürze

  • Geldvermögensbildung und Neuverschuldung sind zwei Seiten der gleichen Medaille.

  • Wer Schulden reduziert, reduziert daher auch Vermögen.​

  • Exportüberschüsse stellen Einnahmeüberschüsse aus dem Ausland dar.

  • Länder mit einem Handelsbilanzdefizit verschulden sich daher in Ländern mit Überschüssen. 

  • Da die Defizitländer die Ersparnisse der Exportländer ausgleichen müssen, verschuldet sich dort häufig auch der Staat.