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  • Michael Paetz

Der Trugschluss der Verallgemeinerung

Flexibilisierung ist weiterhin in aller Munde. Dies zeigt sowohl das gerade veröffentlichte Ökonomenpanel der CESifo Gruppe und der FAZ sowie die Überlegungen der frisch gewählten Regierungen in NRW und Schleswig-Holstein. Laut Ökonomenpanel ist die überwiegende Mehrheit deutscher Ökonomen der Auffassung, die derzeit relativ gute Situation Deutschlands sei auf die Politik Gerhard Schröder's zurückzuführen. Einer Reform der Agenda Politik erteilen die Ökonomen daher mehrheitlich eine Absage. Schleswig-Holstein denkt über eine Vereinfachung der Sonntagsöffnung nach, während in NRW die Höchstarbeitszeit von 10 Stunden und die Mindestruhephasen von 11 Stunden in Frage gestellt werden (hier und hier). Dies seien veraltete Schutzmechanismen, die in einer modernen digitalen Wirtschaft nichts mehr zu suchen hätten. Abgesehen davon, dass gerade die Beschleunigung der Arbeitsprozesse im digitalen Zeitalter ein guter Grund dafür wäre, Arbeitnehmer mehr und nicht weniger zu schützen, hat man offensichtlich nichts aus der Vergangenheit gelernt. In den vergangenen Jahrzehnten haben Flexibilisierungen in Deutschland regelmäßig nichts gebracht außer der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Häufig hat dies zudem die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer geschwächt und wurde daher von einer sehr schwachen Lohnentwicklung begleitet, die sowohl der deutschen als auch der europäischen Wirtschaft abträglich war und den Wettbewerb um Innovationen gesenkt hat.



In der öffentlichen Debatte wird die Behauptung, sinkende Löhne führten zu mehr Arbeitsplätzen, meistens kritiklos hingenommen. Einige Personen sprechen sich evtl. aus sozialen Gründen dafür aus, dass die Löhne nicht so stark fallen sollten, aber grundsätzlich kann man sich dieser Logik nicht verweigern. In progressiven Kreisen links wie rechts wird daher auch über Alternativen zum Lohneinkommen nachgedacht (z.B. in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens), weil man von den niedrigen Löhnen nicht leben kann, die am Markt erzielt werden. Die trügerische Logik, dass Arbeitslosigkeit durch ein zu hohes Lohnniveau entsteht, gilt aber bestenfalls aus einzelwirtschaftlicher Sicht. Wenn ein einzelner Unternehmer seinen Angestellten einen niedrigeren Lohn zahlt, erhöht sich zunächst sein Gewinn, weil er pro verkaufte Einheit jetzt geringere Kosten hat. Sollte er den zusätzlichen Gewinn nun investieren und expandieren, könnte es sein, dass er zusätzliche Arbeitskräfte einstellt. Allein dieser Schritt ist an sich schon fragwürdig, weil der Unternehmer ja bisher nicht mehr verkauft, aber man könnte argumentieren, dass der höhere Gewinn ihn so positiv stimmt, dass er seine Produktion ausweitet.


Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene ist hingegen völlig klar, dass dieser Zusammenhang nicht mehr besteht. Wenn nämlich alle Unternehmen gleichzeitig ihre Löhne senken, kommt es zum sogenannten Trugschluss der Verallgemeinerung, der quasi das Fundament makroökonomischer Überlegungen darstellt (siehe auch den vor Kurzem veröffentlichten Artikel von Heiner Flassbeck). Wenn das allgemeine Lohnniveau sinkt, dann fehlt es den Unternehmern an Nachfrage und sie werden ihre geplanten Verkaufszahlen nicht erreichen. Daraufhin werden sich die Lager der Unternehmen füllen. Um ihre Produkte doch noch zu verkaufen, werden sie nun vermutlich die Preise senken, womit die Lohnsenkung nichts anderes gebracht hat, als die Inflationsrate zu reduzieren ohne einen Effekt auf die Beschäftigung gehabt zu haben. Und im Übergangsprozess könnte es sogar noch Schlimmer kommen: Vermutlich werden die Unternehmen bei vollem Lager ihre Produktion verringern, was zu Entlassungen führt, die eine weitere Senkung der Nachfrage nach sich ziehen.


Ähnliches kann man zu den Vorschlägen aus NRW und Schleswig-Holstein sagen. Auch hier hat kein Unternehmen einen Vorteil von der neuen Regelung, wenn alle sie anwenden können. Man wird sie letztlich anwenden müssen, weil es ansonsten der Konkurrent macht und einen vom Markt verdrängt. Im unrealistischen Grenzfall eines perfekten Wettbewerbs werden solche Maßnahmen entweder von allen oder keinem genutzt. Daher hat auch niemand an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem anderen gewonnen. Unternehmen, die diese Regelung nicht nutzen wollen, sollten sich darüber im Klaren sein und sich öffentlich dagegen äußern. Eine Sonntagsöffnung wird nicht zu mehr Nachfrage führen, solange niemand mehr verdient. Es wird lediglich eine Verschiebung der Verkäufe von jenen Läden geben, die Sonntags nicht öffnen, zu denen, die es tun. Deshalb werden es am Ende alle machen, wodurch niemand dazu gewinnt, aber alle Arbeitnehmer schlechter gestellt sind.


Möglich ist auch, dass der Trugschluss der Verallgemeinerung sich umkehrt. Nur wenn alle Unternehmen gleichzeitig zusätzliche Arbeitnehmer einstellen, um ihre Geschäfte am Sonntag zu öffnen, könnten die Einkommen derart steigen, dass auch zusätzliche Produkte verkauft werden können, da zusätzliche Nachfrage entstanden ist. Wenn aber nur vereinzelte Geschäfte am Sonntag öffnen, gibt es keinen nennenswerten Anstieg der Nachfrage und man wird im Schnitt einen geringeren Gewinn machen. Die gleiche Nachfrage trifft ja nun auf höhere Arbeitskosten. Unter diesen Umständen werden einige Geschäfteinhaber in der näheren Zukunft vermutlich von Lohnerhöhungen absehen, um die Arbeitskosten wieder zu reduzieren. Diese Gesetzesänderung nun damit zu begründen, dass man den Einzelhandel stärken wolle, wirkt besonders perfide, wo doch gerade dieser Sektor unter der schwachen Lohnentwicklung der letzten Jahre gelitten hat, welche die Folge der Flexibilisierungspolitik ist.