​Text: Dr. Michael Paetz, 27.01.2019
Die Idee, es gebe einen festen Zusammenhang zwischen der Höhe der Preise und der Geldmenge einer Volkswirtschaft ist ein uralter Mythos. Obwohl diese Vorstellung dem ökonomischen Denken des 18. Jahrhunderts entspricht, wird er von Medien und konservativen Ökonomen bis heute regelmäßig wiederholt, wenn Zentralbanken die im Umlauf befindliche Geldmenge erhöhen. Dabei ist über einen längeren Zeitraum empirisch kein Zusammenhang zwischen Preisen und Geldmenge zu erkennen. In der folgenden Abbildung wird die Veränderung von drei typischen Indikatoren für die Geldmenge, M0 bis M3, mit der Veränderung der Preise in Deutschland verglichen. Offenkundig ist bestenfalls für kurze Phasen ein leichter Zusammenhang erkennbar. Dies liegt daran, dass Geld, dass auf Bankkonten herumliegt oder in Form von Wertpapieren gebunden ist, nicht zum Kauf von Gütern und Dienstleistungen verwendet wird und daher keinen Einfluss auf ihre Preise hat. Zudem werden Produzenten bei einer erhöten Nachfrage häufig zunächst ihre Produktion ausweiten, um ihren Gewinn zu erhöhen, anstatt sofort an der Preisschraube zu drehen. Ist der Wettbewerb stark genug, werden andere dies sicher tun, weshalb es auch keinen Automatismus aus höherer Nachfrage und höheren Preisen gibt.
Abbildung 1: Geldmenge und Preise
Quelle: Ameco Datenbank.
Aber wovon werden die Preise in einer Volkswirtschaft dann beeinflusst? Wenig überraschend hängt die Höhe der Preise maßgeblich von der Höhe der Löhne ab. Zudem spielt die Entwicklung der Produktivität eine bedeutende Rolle. Um den Zusammenhang vollständig zu verstehen, hilft es daher, sich erst einmal klar zu machen, was man überhaupt unter Produktivität versteht.  Hierzu bedienen wir uns eines einfachen Beispiels.
Löhne, Preise und Produktivität
Produziert ein Tischler an einem 8-Stunden Arbeitstag gerade mal einen Tisch, so muss er durch den Verkauf dieses einen Tisches genug Einnahmen erzielen, um für einen Tag seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Dementsprechend wird er den Preis für seinen Tisch so festlegen, dass er nach Abzug aller Kosten einen ausreichend hohen Gewinn erzielt. Schafft sich der Tischler nun zusätzliche Maschinen an und wird produktiver, kann er vielleicht 8 Tische am Tag herstellen. Jeder einzelne Tisch muss nun nur noch ein Achtel seines Tageslohns ausmachen. Die Produktivitätssteigerung hat dazu geführt, dass die Lohnkosten pro Tisch gesunken sind. Während in dem einen Tisch die Kosten für 8 Stunden Arbeitszeit steckten, so stecken in den 8 Tischen nun nur noch die Kosten von jeweils einer Stunde Arbeitszeit. Würde der Tischler seinen Stundenlohn verdoppeln, wären die Lohnkosten nun immer noch 4-mal so gering wie vor der Anschaffung der Maschinen. Wer produktiver ist, kann günstiger herstellen und daher einen höheren Lohn erhalten, ohne dass die Preise für seine Erzeugnisse teurer werden müssen.
Dies gilt auch für eine gesamte Volkswirtschaft. Die Preisentwicklung wird von der Entwicklung der sogenannten Lohnstückkosten bestimmt, die das Verhältnis von Löhnen zur Produktivität beschreiben. Was aber ist mit den anderen Kosten, z.B. denen für die Maschinen des Tischlers? Diese spielen auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene keine Rolle mehr, weil alle Vorleistungen wiederum Einnahmen anderer Firmen sind. Die Maschinen werden ja ebenfalls mit Menschen und Maschinen anderer Unternehmen hergestellt, die wiederum mit Menschen und Maschinen weiterer Unternehmen hergestellt werden usw. Im Aggregat bleiben daher im Wesentlichen nur die Kosten für Arbeitskräfte übrig.
Wenn Produktivitätssteigerungen die Kosten senken und niedrigere Preise ermöglichen, Lohnsteigerungen aber die Kosten erhöhen und somit zu steigenden Preisen führen, dann sollte die Differenz aus Lohn- und Produktivitätserhöhung der Veränderung der Preise entsprechen. Diese Veränderung bezeichnen wir landläufig als Inflation. Unternehmen kalkulieren ihre Preise so, dass sie einen gewissen Prozentsatz als Gewinnaufschlag auf ihre Kosten erheben. Steigen die Löhne schneller als die Produktivität, so steigen die Kosten und man wird die Presie erhöhen. Bei einer Lohnsteigerung um 4% und einer Produktivitätssteigerung um 2% steigen Kosten und Preise demnach netto um 2%.

Tatsächlich lässt sich dieser einfache Zusammenhang in nahezu jedem Land der Welt sehen. Die folgende Tabelle zeigt die prozentuale Veränderung der Lohnstückkosten für 44 Länder über den Zeitraum von 1961 bis 2016. In der darauffogenden Abbildung sind zur Illustration die Veränderung der Lohnstückkosten und die Veränderung der Preise in Deutschland gezeigt. Offensichtlich bestimmen die Lohnstückkosten die Preise.
Tabelle 1: Veränderung der Lohnstückkosten und Inflationsrate
Anmerkung: Der BIP-Deflator ist ein Index für das Preisniveau. Seine prozentuale Veränderung entspricht der Inflationsrate. Quelle: Ameco Datenbank.
Abbildung 2: Veränderung der Lohnstückkosten und Inflationsrate in Deutschland
Anmerkung: 5- Jahresdurchschnitte.. Quelle: Ameco Datenbank.

INFLATION UND LÖHNE

Das Wichtigste in Kürze

  • Inflation entsteht nicht aufgrund einer steigenden Geldmenge, sondern dann, wenn die Löhne schneller als die Produktivität steigen.

  • Steigen die Löhne z.B. um 5 % und die Produktivität lediglich um 3 %, so steigen die Preise (auf mittlere Sicht) um ca. 2 %.

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